Familienszene (Familie Beckmann)
Serie
- Blatt 2 des Zyklus "Gesichter"
Künstler:in
Max Beckmann
(1884 – 1950)
Date1918; publ. 1919
MediumKaltnadelradierung
Display DimensionsBlatt: 45 cm × 37 cm (450 × 370 mm)
Platte: 31 cm × 26 cm (310 × 260 mm)
Platte: 31 cm × 26 cm (310 × 260 mm)
ClassificationsDruckgrafik
Credit LineMuseum der Moderne Salzburg
Object numberBA 1001
Provenance1977 Ankauf
Collections
When Max Beckmann volunteered as a paramedic in 1914, he was already a well-known artist. In 1906, at the age of twenty-two, he had won an award from the Deutscher Künstlerbund (Association of German Artists) for his painting "Young Men by the Sea" (1905). A year later he became a member of the Berlin Secession, and in 1914 the first monograph about him was published. He saw himself as a chronicler of the times and, apart from landscapes and portraits, he painted pictures like "Scene from the Destruction of Messina" (1909) inspired by newspaper reports of the devastating earthquake in Messina, Italy, in 1908, and "Sinking of the Titanic" (1912). These paintings do not so much depict the events themselves as the human suffering in general. The same applies to his graphic portfolio "Faces" (1919), completed between 1915 and 1918 in response to the horrors that Beckmann had seen in the war. After having experienced at first a "wild, almost evil thrill at standing in the midst of life and death," he suffered a physical and mental breakdown in late summer 1915, prompting him to go not to his family in Berlin but to friends, the painter Ugi Battenberg and his wife in Frankfurt am Main. In the following years his style changed from naturalistic painting in dark tones to a two-dimensional linear style featuring typical Modernist characteristics such as the distortion of form and simultaneous use of several perspectives. The change was seen first in his prints, notable for their clear, expressive forms extending in a kind of "horror vacui" to the edges of the pictures and in some cases beyond them. Beckmann’s graphic cycles were completed at this time: after "Faces" came "Hell" (1919), "Annual Fair" (1921), and "Berlin Journey" (1922). Most of these portfolios were printed by Reinhard Piper—in the difficult years after the war prints were easier to sell than paintings.
The title "Faces" comes from the art historian Julius Meier-Graefe, whom Beckmann knew well, referring to the reality of the individual, the subject as the central focus, but also to the artistic vision, to "seeing." The individual sheets can be interpreted as an ambiguous mixture of action and reflection. In "Family Scene" Beckmann shows his family situation—his wife Minna Tube with her mother and their son Peter, with himself in the background—but also the solitude of the individual in contrast to the conventional intimacy of a family scene. His lovers are also on a stage, observed by unknown divinities—Beckmann originally wanted to call the cycle "World Theater". He repeatedly addresses the great themes: suffering, pleasure, madness, solitude. In this regard, "Descent from the Cross" and "Resurrection" are not so much Christian motifs as representations of human suffering and the Nietzschean eternal cycle of life. Beckmann himself appears in "Resurrection" as an observer at the bottom left of the drawing between his friends Fridel and Ugi Battenberg, but also as the author of the scene. [Beatrice von Bormann, 2014]
Als Max Beckmann 1914 freiwillig als Sanitäter in den Krieg zog, war er bereits ein bekannter Künstler; mit 22 Jahren hatte er 1906 mit seinem Gemälde „Junge Männer am Meer" (1905) den Ehrenpreis des Deutschen Künstlerbundes gewonnen, ein Jahr später wurde er Mitglied der Berliner Sezession, und 1914 erschien die erste Monografie über ihn. Er begriff sich als Zeitzeuge und malte neben Landschaften und Porträts etwa „Szene aus dem Untergang von Messina" (1909) – inspiriert von den Zeitungsberichten über das verheerende Erdbeben im italienischen Messina von 1908 – und „Untergang der Titanic" (1912). Diese Gemälde reflektieren jedoch weniger die tatsächlichen Ereignisse, als dass sie ein Bild des menschlichen Leids schlechthin vermitteln. Ähnliches gilt für seine Grafikmappe „Gesichter" (1919), deren Einzelblätter zwischen 1915 und 1918 entstanden, nachdem Beckmann Entsetzliches an der Kriegsfront gesehen hatte. Hatte er zunächst noch ein „wildes, fast böses Lustgefühl, so mitten zwischen Tod und Leben zu stehen", empfunden, erlitt er im Spätsommer 1915 einen körperlichen und seelischen Zusammenbruch, der ihn nicht nach Berlin zu seiner Familie, sondern zu Freunden – dem Maler Ugi Battenberg und seiner Frau – nach Frankfurt am Main gehen ließ. In den folgenden Jahren änderte sich sein Malstil, von einer noch recht naturalistischen Malerei in dunklen Farbtönen gelangte er zu einer flächigen, linearen Darstellungsweise, die von modernistischen Stilmitteln wie der Verzerrung der Form und der gleichzeitigen Verwendung mehrerer Perspektiven Gebrauch machte. In der Grafik vollzog sich der Wandel als Erstes; die Blätter sind geprägt von klaren, expressiven Formen, die in einer Art Horror Vacui bis an den Bildrand und zum Teil darüber hinaus drängen. In dieser Zeit entstanden Beckmanns große grafische Zyklen, auf „Gesichter" folgten „Die Hölle" (1919), „Der Jahrmarkt" (1921) und die „Berliner Reise" (1922). Die meisten dieser Mappen wurden vom Verleger Reinhard Piper gedruckt; gerade in der schwierigen Nachkriegszeit verkaufte sich Grafik leichter als Malerei.
Der Titel „Gesichter" stammte vom Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe, den Beckmann gut kannte; er deutet auf die Realität des Individuums, des Subjekts, das hier zentral steht, aber auch auf die künstlerische Vision, das „Gesichte haben". Die Einzelblätter sind in dieser Doppeldeutigkeit des Agierens und des Reflektierens zu sehen: So zeigt Beckmann in der „Familienszene" seine autobiografischen Verhältnisse – seine Frau Minna Tube mit ihrer Mutter und dem gemeinsamen Sohn Peter, er selbst abgerückt im Hintergrund –, deutet jedoch zugleich darüber hinaus, indem er die Einsamkeit des Individuums gerade über die Erwartung der Intimität einer Familienszene thematisiert. Auch seine Liebespaare finden sich letztlich auf einer Bühne wieder, die von unbekannten Gottheiten beobachtet wird – Beckmann wollte den Zyklus zunächst „Welttheater" nennen. Immer wieder spricht Beckmann die großen Themen an: Leid, Lust, Wahnsinn, Einsamkeit. Die „Kreuzabnahme" und die „Auferstehung" fungieren hier denn auch weniger als christliche Motive denn als Darstellungen von menschlichem Leid und vom ewigen Kreislauf des Lebens im Sinne von Nietzsche. Auch hier, in der „Auferstehung" taucht Beckmann als Subjekt wieder auf, als Beobachter am linken unteren Rand zwischen den Freunden Fridel und Ugi Battenberg, aber auch als Autor des Geschehens. [Beatrice von Bormann, 2014]


