Truly Spun Never
Andrea Geyer studierte Kunst, Fotografie und Journalismus in Deutschland und den Vereinigten Staaten. In ihrem künstlerischen Werk arbeitet sie zu Konstruktionen und Gesetzmäßigkeiten der Zeit an der Schnittstelle zwischen Politik, Kultur und Geschichte. Sie thematisiert darin herausragende gesellschaftliche und politische Situationen, Ereignisse oder Bedingungen, die sie insbesondere in Hinblick auf die Rolle von Frauen analysiert. Geyer arbeitet sowohl mit Fiktion als auch mit dokumentarischen Strategien. Sie untersucht historisch entwickelte Konzepte wie nationale Identitätsbildung oder Geschlechter- und Klassenzugehörigkeit im Kontext einer kontinuierlichen Neuausrichtung kultureller Bedeutungen und der Anpassung des kollektiven Gedächtnisses an die jeweils herrschenden politischen Strukturen.
Für „Truly Spun Never“ erweitert Andrea Geyer ihr Interesse an der Moderne, indem sie die Ursprünge des modernen Tanzes in Europa von den 1910er- bis in die 1930er-Jahre untersucht. Vor dem Hintergrund des Aufstiegs des Nationalsozialismus in Deutschland, dem Geburtsort des Ausdruckstanzes, entwirrt „Truly Spun Never“ die schwierigen Beziehungen zwischen Kultur und Ideologie, künstlerischem Ausdruck und ethischem Verhalten sowie Körper und Politik. Im nationalsozialistischen Deutschland wurde Ausdruckstanz zur „deutschen Tanzkunst“ und vorherrschenden Tanzform erklärt, obwohl andere Kunstformen der Moderne bereits als „entartet“ abgestempelt worden waren. Von 1933 bis 1936 leitete Rudolf von Laban, ein wichtiger Pionier des modernen Tanzes in Europa, unter Joseph Goebbels’ Reichsministerium für Propaganda die Tanzkunst in ganz Deutschland. Obwohl Tanz vom Reichsministerium finanziell unterstützt wurde und alle „nichtarischen“ Tänzer:innen von der Bühne und den Tanzschulen verbannt worden waren, bestanden Laban und andere führende Choreograf:innen und Tänzer:innen dieser Zeit darauf, dass Tanz unberührt von Politik sein sollte.
Geyers „Truly Spun Never“ veranschaulicht die Interaktionen zwischen einem Kritiker und sechs Tänzer:innen, die unterschiedliche Arten der Drehung üben. Der Kritiker rezitiert dabei Gedanken zu Tanz als Form, seinen Potentialen und Defiziten im Wechsel mit einer kontemplativen Lesung der Gedichte von Paul Celan, der als Zeitzeuge im Europa der 1930er-Jahre fungiert. Geyers Skript fußt auf ihrer charakteristischen Methode mit gefundenem Material und Originaltexten der jeweiligen Zeit zu arbeiten, in diesem Fall von Schlüsselfiguren wie Mary Wigman, Rudolf von Laban, Fritz Böhm, Joseph Goebbels oder Friderica Derra de Moroda. Durch dieses vielschichtige Zusammenspiel von Bewegung und Sprache steckt „Truly Spun Never“ das Terrain ab, auf dem künstlerischer Ausdruck von ideologischer Gewalt durchdrungen wird. Das Werk betont die Notwendigkeit einer immanenten Rezeption der historischen Persönlichkeiten des modernen Tanzes, aber auch ihres Erbes und ihres heutigen Publikums.
(Andrea Geyer, Verena Österreicher, Antonia Lotz)
For “Truly Spun Never”, Andrea Geyer expands her interest in Modernism through an investigation of the origins of modern dance in Europe from the 1910s to the 1930s. Given the rise of National Socialism in Germany, the birthplace of Ausdruckstanz (Expressive Dance), “Truly Spun Never” unpacks the difficult relationships between culture and ideology, between expression and ethics, between a body and politics. Ausdruckstanz, became in Nazi Germany “German dance” and the predominant dance form even when other modern forms of art had been categorized: “degenerate”. From 1933 to 1936 Rudolf von Laban, notable as one of the pioneers of modern dance in Europe, controlled dance throughout Germany as part of Joseph Goebbels’ ministry of propaganda. Even when financed by the propaganda ministry and after removing all “non-Arian” dancers from stage and dance schools, Laban as well as other leading choreographers and dancers of the time insisted that dance should lay beyond the grasp of politics.
Geyer’s “Truly Spun Never” portrays the interactions between a critic and six dancers training different forms of spins. The critic oscillates between a reflection on dance as a form, its potentials and shortcomings, and contemplative readings of poems by Paul Celan, who functions as a contemporary witness to 1930s Europe. Geyer’s script is based on her signature methodology of working with found materials and original writings of the time period, in this case writings of the key players such as Mary Wigman, Rudolf von Laban, Fritz Böhm, Joseph Goebbles and Friderica Derra de Moroda. Through these multilayered interactions of movement and language, “Truly Spun Never” maps the terrain in which cultural expression gets infiltrated by ideological violence. The work suggests the need for an immanent response to the historical figures of modern dance but also to their legacy and their contemporary audiences.
(Andrea Geyer, Verena Österreicher, Antonia Lotz)

